Home Trends Digital Detox 2.0: Warum immer mehr Menschen Smartphones den Rücken kehren und auf einfache Handys umsteigen

Digital Detox 2.0: Warum immer mehr Menschen Smartphones den Rücken kehren und auf einfache Handys umsteigen

by cms@editor

Wer kauft diese Geräte? Entgegen gängiger Klischees nicht Rentner. Die Hauptkäufer sind gut verdienende Menschen zwischen 25 und 40 Jahren mit technischer Ausbildung. Dazu gehören Programmierer, die genug vom Programmieren haben und sich ohne Bildschirme entspannen möchten; Journalisten, die am Wochenende eine digitale Auszeit suchen; und Eltern, die nicht möchten, dass ihre Kinder schon früh von Algorithmen abhängig werden. In Berlin und München gibt es sogar Cafés, in denen man für „handyfreien Kaffee“ einen Rabatt erhält und die Geräte in Schließfächern am Eingang abgegeben werden können. Dies ist eine neue soziale Norm: Die Fähigkeit, abzuschalten, gilt als Zeichen von Stärke, nicht von Rückständigkeit.

Interessanterweise haben Smartphone-Hersteller auf diesen Trend reagiert. Android und iOS bieten mittlerweile „Fokusmodi“ und „Digitales Wohlbefinden“, doch die Erfahrung zeigt, dass diese selten genutzt werden – die Versuchung, die Geräte zu entsperren, ist zu groß. Daher greifen radikalere Nutzer zu extremen Maßnahmen: Sie kaufen zwei Telefone – ein einfaches Handy für den Alltag und ein Tablet für die Arbeit, das sie physisch im Büro oder in einer speziellen Tasche aufbewahren. In Deutschland, wo die Trennung von Berufs- und Privatleben (Feierabend) einen hohen Stellenwert hat, findet dieser Ansatz Anklang. Viele Unternehmen haben sogar eine Klausel in ihren Richtlinien verankert, die das Recht auf telefonische Nichterreichbarkeit nach 18:00 Uhr garantiert, und einfache Handys tragen dazu bei, dieses Recht zu wahren.

Der Trend hat eine ganze Subkultur hervorgebracht. Ironischerweise sind die Hashtags #dumbphone, #digitalminimalism und #offlinefirst in den sozialen Medien beliebt. Menschen teilen Fotos ihrer einfachen Handys, unterhalten sich über ihre Tage ohne Internet und tauschen praktische Tipps aus – zum Beispiel, wie man sich vor dem Verlassen des Hauses Wegbeschreibungen ausdruckt. In Deutschland gibt es sogar jährlich die „Smartphonefreie Woche“, an der Tausende teilnehmen. Die Organisatoren stellen den Teilnehmern einfache Handys zur Verfügung und zeigen ihnen, wie man ohne den ständigen Dopaminrausch von Likes auskommt.

Natürlich gibt es auch Skeptiker dieses Trends. Sie behaupten, der Verzicht auf Smartphones sei ein Privileg der Reichen, die sich einen Assistenten leisten können, der ihre „digitalen Probleme“ löst. Oder es sei eine Form der Realitätsflucht, eine Flucht vor der ständigen Online-Präsenz. Befürworter der digitalen Entgiftung entgegnen jedoch: „Wir plädieren nicht dafür, das Smartphone wegzuwerfen. Wir plädieren dafür, es als Werkzeug zu nutzen, nicht als Herrscher.“ Und da ist etwas Wahres dran. Der Trend zu einfachen Handys ist kein Rückschritt in der Technologie, sondern ein Schritt nach vorn in Sachen Achtsamkeit. Es lehrt uns, dass die beste Benachrichtigung diejenige ist, die gar nicht existiert.

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