Stellen Sie sich ein Lebewesen vor, das ein verlorenes Bein nachwachsen lassen, Teile seines Gehirns oder sogar sein Herz regenerieren kann und dabei sein ganzes Leben lang das Aussehen und Verhalten eines verspielten Jungtiers beibehält. Das ist keine Science-Fiction, sondern Realität und schwimmt in Aquarien rund um den Globus. Die Rede ist vom Axolotl – einem mexikanischen Salamander, der die Gesetze der Biologie scheinbar außer Kraft setzt, indem er für immer in seiner Jugend „feststeckt“. Diese charmanten Tiere werden aufgrund ihrer freundlichen Gesichter und der federartigen Kiemen, die aus ihrem Kopf ragen, oft auch „Wasserschleimfische“ genannt. Doch hinter ihrem niedlichen Aussehen verbirgt sich einer der komplexesten Organismen unseres Planeten, den Wissenschaftler seit Jahrzehnten erforschen, um das Geheimnis ewiger Jugend und Regeneration zu lüften.
Die Einzigartigkeit des Axolotls liegt in seiner Neotenie – der Fähigkeit, die Geschlechtsreife zu erreichen, während er sich im Larvenstadium befindet. Im Grunde handelt es sich um eine große Kaulquappe, die sich gegen die Metamorphose zum ausgewachsenen Tier entschieden hat. Anders als die meisten Amphibien muss sie nicht an Land gehen; ihr Körper bleibt im Wasser, und ihre Kiemen sind äußerlich. Dieser Zustand wird durch einen erblichen Mangel des Hormons Schilddrüsenhormon verursacht. Interessanterweise kann der Axolotl jedoch die Metamorphose durchlaufen und sich in einen ausgewachsenen Landsalamander verwandeln, wenn sich die Umweltbedingungen ändern (zum Beispiel durch allmähliches Austrocknen eines Gewässers oder durch die Injektion eines Hormons).
Das auffälligste Merkmal des Axolotls ist seine Regenerationsfähigkeit, die unter Wirbeltieren ihresgleichen sucht. Verliert dieses Tier eine Gliedmaße, bildet sich an der Wundstelle keine raue Narbe, sondern ein sogenanntes Blastem – eine Ansammlung unspezialisierter Zellen, die sich buchstäblich „erinnern“, welches Bein nachwachsen muss. Darüber hinaus ist dieses neue Bein eine perfekte Nachbildung des ursprünglichen, einschließlich Knochen, Muskeln und Nerven. Wissenschaftler haben bereits entdeckt, dass der Axolotl einen natürlichen Retinsäuregradienten besitzt: Seine Konzentration ist in Schulternähe am höchsten und nimmt zu den Fingerspitzen hin ab. Dies liefert dem Körper eine Art „Bauplan“ für die Regeneration.
Überraschenderweise erstreckt sich diese Selbstheilungsfähigkeit sogar auf das zentrale Nervensystem. Der Axolotl kann ein beschädigtes oder sogar teilweise verlorenes Gehirn regenerieren. Um dies zu erreichen, verfügt der Amphibie über einen komplexen, mehrstufigen Regulationsprozess, an dem spezifische Gene beteiligt sind, die beim Menschen inaktiv sind. Darüber hinaus erfolgt die Regeneration narbenfrei – ein Traum der modernen Medizin. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Labore weltweit diese Amphibien züchten, in der Hoffnung, ihre Mechanismen auf die menschliche Physiologie zu übertragen, um Rückenmarksverletzungen zu behandeln und verlorene Organe wiederherzustellen.
